PRAXIS des neusprachlichen Unterrichts

24 Jahrgang Nr 1

 

 

L. A. James, B. Gordon.Ê The Context of Foreign Language Teaching.

Rowley, Mass.: Newbury House, 1974. 286 S. $7.95.

 

 

 

Wer vom Titel dieses Buches ausgeht und eine Untersuchung der iinguistischen, lempsychologischen und gesellschaftlich relevanten Faktoren im Umfeld des Fremdsprachenerwerbs erwartet, der wird enttauscht ö und uberrascht zugleich. Im Mittelpunkt steht namlich nichts anderes als die fast missionarisch anmutende Propagierung einer fremdsprachlichen Bewegung, die auch bei uns inzwischen ihre Vertreter und Anhanger gefunden hat: die ãtransaktionale Kompetenz.ä Dabei handelt es sich um eine speziell und typisch amerikanisch gepragte und prasentierte Spielart der ãKommunikativen Kompetenzä, die sich als Weiterentwicklung des pragmalinguistischen Ansatzes versteht. Im alltaglichen Gebrauch dient Sprache ö so die Autoren ö nicht vornehmlich der Ubermittlung von Informationen, sondern ist Ausdruck strukturierter Ritualien ãin the form of transactional moves and repliesä (S. 249). Sprechakte dieser Art sollten darum auch Unterrichtsgegenstand sein. Die durchgehend vertretene. These lautet: weg von der angewandten Linguistik, weg von der Lernpsychologie (jeglicher Richtung), hin zur transactional engineering analysis und hin zur ãEthnomethodologie.ä Die gelehrt klingenden Begriffe konnen beim Studium der Lekture nur fur eine kurze Zeit daruber hinwegtauschen, dab es sich bei diesem Ansatz letzilich lediglich um eine Spracherwerbstheori handelt, die Elemente schwarmerischer Hoffnungen aus der Zeit der direkten Methoden mit neueren curricularen Lernzielsetzungen vage in Verbindung bringt und auf dieser wenig fundierten Grundlage verspricht, revolutionare Veranderungen im Hinblick auf Motivation, Lernstrategien und Lehrinhalte bewirken zu konnen. Wahrend eines Semesters, so wird verkundet, kann man lernen, den himmelweiten Unterschied zwischen herkommlichen Lehrbuchdialogen und der Sprache zu erkennen, die im Land der Fremdsprache tatschlich gesprochen wird. Darum sei es notwendig, auf Kosten normativer Richtgkeit jede gelungene Realisierung kommunikativer Absichten zu akzeptieren. Kognitive Prozesse werden fur unwesentlich erachtet; erklart werden soll nur dann, wenn die Schuler es ausdrucklich verlangen ö offensichtlich eine Kozession gegenscher den Anhangern der audiolingualen Methode, mit denen man es auch nicht verderben mochte. Und wenn man sich dann schlieblich auch vor Augen halt, dab einer der Autoren Prasident der Transactional Engineering Corporation in Miami Beach ist, wo man all das lernen kann, was man in dieser Hinsicht noch nicht weib, dann ist man geneigt, von der Publikation zu behaupten sie besitze den unguten Beigeschmack einer wissenschaftlich verbramten Werbebroschure.

 

Die leicht lesbaren und durch viele Beispiele illustrierten Erorterungen werden unter drei Gesichtspunkten dargeboten. Teil 1 befabt sich mit dem ãpadagogischen Kontextä des Fremdsprchemmterrichts. Hier werden ö wie bei den Vertretern der ãkommunikativen Kompetenzä bei uns ö originelle Vorschlage unterbreitet, ohne langfristig praktizierbare Losungen anbieten zu lozmen, Beispiel: die Einschatzung der Strukturimsterubung. Sie wird nicht fur uberholt erklart; verlangt wird, ihre linguistisch-grammatische Orientierung durch Kategorien der Sprechakt-theorie zu ersetzen. Dabei kommen Vorschlage zur Sprache, die bei uns im Zusammenhang mit der Differenzierungsproblematik diskutiert werden, vor allem sprachlich unterschiedliche Reaktionen auf ein und denslben Stimulu (S. 65):

 

S:Ê Is there anything else you need?

 

R1:Ê Yes. More thread.

 

R1:Ê May I have some more thread, please?

 

Ungeklart bleibt die Frage, wie diese theoretisch zunachst vielleicht einleuchtende Losung des Eingehens auf unterschiedliche Lerndispositionen uber einen langeren Zeitraum durchgehalten ãwerden kann, ohne die Verstandigungsmoglichkeit zwischen Gruppen verschieden stark ausgepragter sprachlicher Kompetenz ernsthaft zu gefahrden. Ungeklart bleibt aber vor allem die wesentliche Frage der Zuordnung und der Anordnung von linguistischen Elementen zu den Kategorien der kommenikativen Kompetenz, die ohne gezielt bereitgestelltes Sprachmaterial ãsprach-losä bleiben mub.

 

Der ãpersonale Kontextä wird in Teil 2, der ãtheoretische Kontextä in Teil 3 behandelt. Bon unterschiedlichen Ansatzen her bemuhen sich die Autoren also, immer wieder zu ihrer Kernaussage zuruckzukehren, z. ãT. ubeer emotional gefarbte Exkurse; so wird dem Fremdsprachenlehrer z. B. (S. 80ff)Ê eingeredet, er leide unter einer Neumse, die durch sein herkommliches Tun verursacht werde. Aus welcher Richtung eine Heilung zu erwarten ist, versteht sich von selbst.

 

Alles in allem ein Buch, das dem Fremdsprachenlehrer inâ der Bundesrepublik ö und sicherlich zuch anderswo ö keine Hilfe fur seine unterrichtlichen Probleme bieten kann ö es sei denn, er fithle eine Affinitat zur Theorie derä kommunikatiben Kompetenzä; in diesem Fall vermittelt die Lekture interessante und heilsame (?) Einsichten, welche absurden Vorstellungen von diesem Ansatz aus entwickelt werden konnen.

 

 

Reinhold Freudenstein